Die Geschichte hinter ¡animando!

Großmutter mit Enkelin auf dem Arm.

Die Inspiration für ¡animando! entspringt meiner persönlichen Geschichte, die von einer Kindheit in einem Mehrgenerationenhaushalt geprägt ist. „Oma Maria“ lebte bei uns und der tägliche Austausch mit ihr war eine Selbstverständlichkeit. Sie war eine sehr wichtige Bezugsperson für mich und wenn meine Eltern unterwegs waren, passten wir gegenseitig aufeinander auf. Leider starb sie bereits, als ich 16 war und mit 19 hatte ich keine Großeltern mehr. Das war genau die Zeit, in der ich anfing, mich für die deutsche Vergangenheit zu interessieren. Ich bereute es, mir nicht viel mehr ihrer Geschichten angehört zu haben.

Heute weiß ich, dass dieser intergenerationelle Austausch alles andere als selbstverständlich ist. Die wenigsten Familien leben heute noch mit drei Generationen unter einem Dach. Ich habe jedoch auch etwas anderes gelernt: Nicht nur die eigenen Großeltern haben wahnsinnig spannende Geschichten zu erzählen, sondern nahezu alle Seniorinnen und Senioren. Ich selbst bin nach der Wende in Süddeutschland aufgewachsen. Was ich hier in Dresden durch Gespräche mit älteren Leuten über die deutsche Geschichte gelernt habe, kann man in keinem Schulbuch nachlesen.

Der Austausch tut längst nicht nur mir gut, sondern ganz besonders auch der älteren Generation. Ich habe selbst mehrere Jahre ehrenamtlich und beruflich mit Seniorinnen und Senioren gearbeitet. Was mich dabei immer mehr gestört hat, ist der Fokus vieler ambulanter Angebote auf die rein funktionale Versorgung. Das Zwischenmenschliche wird – oft aus Zeitnot – zur Nebensache. Natürlich ist die Versorgung von entscheidender Bedeutung, aber oft wird dabei übersehen, welch großen Einfluss echte soziale Teilhabe auf die Lebensqualität hat und was für einen Reichtum an Ressourcen ältere Menschen bereithalten. Sie werden dadurch in eine passive Rolle gedrängt und können nichts zurückgeben.

Das hierzulande weit verbreitete negative Altersbild sieht hauptsächlich ihre Defizite und versucht diese auszugleichen. Aber auch hochaltrige Menschen, die ihre Wohnung aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen kaum noch verlassen, haben einen riesigen Erfahrungsschatz und oft ein immens großes Wissen aufgebaut. Viele haben Kinder großgezogen und/oder ganze Karrieren durchlaufen, sind mit Verlust und Tod konfrontiert gewesen, haben Krisen und Biographiebrüche überstanden und haben – hier in Ostdeutschland – einen Staat untergehen sehen. Alte Menschen brauchen kein Mitleid oder belächelndes Schulterzucken. Wir sollten ihnen vielmehr zuhören und von ihnen lernen. Sie haben all das gemeistert, was uns jungen Menschen noch bevorsteht.

Es scheint oft vergessen zu werden, besonders von jungen Menschen, dass auch die ältere Generation unter uns einmal eine wilde Zeit hatte. Auch sie war mal jung, hat rebelliert, Regeln gebrochen und ihre eigenen Erfahrungen gesammelt. Selbst meine Oma Maria, geboren 1920, erzählte mir im hohen Alter mit einem verschmitzten Lächeln von dem einen oder anderen aufregenden Erlebnis. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir unsere Ältesten viel zu häufig unterschätzen – auch in Bezug auf ihre Offenheit für Neues und ihre Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.

Dies bringt mich zu einem weiteren wichtigen Anliegen: Es gibt leider viel zu wenige junge Menschen, die sich im Bereich der Seniorenarbeit engagieren. Warum eigentlich? Ich kann mir kaum ein erfüllenderes Ehrenamt vorstellen, das gleichzeitig die eigene Entwicklung so gut unterstützt. Für Seniorinnen und Senioren ist der Austausch mit Menschen im „Enkelalter“ oft viel unbeschwerter, interessanter und abwechslungsreicher. Statt nur über Krankheiten zu reden, können Gespräche über Themen geführt werden, die einen vor allem in der ersten Lebenshälfte  bewegen – sei es das Studium, der erste Liebeskummer oder andere Lebensaspekte.

Theresa mit ihrer Großmutter in der Küche.

Und schließlich betrübt mich noch etwas: Die gängige Annahme, dass ältere Menschen es lieben, den ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen und dass dies ausreicht, um ihre kognitive Leistungsfähigkeit zu erhalten. Gerne werden ihnen als Ergänzung (möglichst einfache) Spiele wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht vorgeschlagen oder es wird gebastelt. Doch was ist mit den Menschen, die noch nie gerne gespielt haben oder wenig handwerklich aktiv waren? Was ist mit den Seniorinnen und Senioren, die jede freie Minute ihres Lebens damit verbracht haben, sich Wissen anzueignen und an geistig anregenden Aktivitäten teilzunehmen, wie zum Beispiel Podiumsdiskussionen, Museumsbesuche oder Opernaufführungen? Sie lesen immer noch täglich die Zeitung, können sich aber mit niemandem wirklich tiefgehend darüber austauschen. Sie empfinden immer noch Freude daran, Neues zu lernen und sich geistig zu fordern, können diesem Bedürfnis aber kaum noch nachgehen, sobald sie nicht mehr mobil sind. Ihre kognitiven Ressourcen verkümmern, ihre Lebensfreude nimmt ab und ihr Pflegebedarf steigt.

Um dieser Negativspirale entgegenzuwirken, setzt ¡animando! auf ein Angebot, das genau auf die beschriebene Zielgruppe zugeschnitten ist.

Das intergenerationelle Buddy-Programm zielt darauf ab,

  • Seniorinnen und Senioren nicht zu versorgen, sondern zu integrieren,
  • ihre Ressourcen – insbesondere die kognitiven – zu stärken und dazu zu nutzen,
  • junge Menschen in ihrer Entwicklung zu fördern,
  • welche durch attraktive Rahmenbedingungen für ein Ehrenamt begeistert
  • und durch eine wissenschaftlich fundierte und hochwertige Schulung dafür qualifiziert werden.

Das kommt nicht nur den teilnehmenden Junior- und Senior-Buddys zugute, sondern der Gesellschaft als Ganzes. Wir leben letztendlich alle gemeinsam in einem riesigen Mehrgenerationenhaushalt und sollten daher regelmäßig miteinander reden und uns gegenseitig umeinander kümmern. Ganz so wie ich es mit meiner Oma Maria getan habe.